Stilisiertes Preisobjekt des Thüringer Staatspreises für Baukultur

Thüringer Staatspreis für Baukultur 2026

S T R O H ballen Klassenzimmer im Landgut

Auszeichnung und Publikumspreis

Das Klassenzimmer auf dem Diakonie Landgut Holzdorf ist ein neuer Lernort. Das feste Gebäude steht auf dem Land in der Nähe von Weimar. Es ersetzt heute Klassenräume aus Containern. Das Gebäude ergänzt die Angebote zur Bildung auf dem Landgut. Hier lernen Jugendliche und Erwachsene. Sie können sich weiterbilden und neue Fähigkeiten erwerben.

Das Gebäude ist etwas Besonderes. Die Wände bestehen aus Strohballen. Sie tragen auch das Gewicht des Hauses ganz ohne Stützen aus Holz. Das Stroh schützt aber auch vor Kälte und Hitze. Für den Bau wurden viele natürliche Materialien verwendet. Sie schonen die Umwelt und können später gut wiederverwendet werden. Auch viele Bauteile stammen aus anderen Gebäuden.

Fenster und Türen wurden aufgearbeitet und wieder eingebaut. So konnten wertvolle Materialien weiter genutzt werden. Oder sie kommen zurück in die Natur. Das Gebäude steht auf einem Bett aus Schotter. So bleibt der Boden weitgehend erhalten. Viele Menschen haben am Bau mitgearbeitet. Dazu gehören unter anderem Fachleute und Menschen aus sozialen Einrichtungen.

Sie haben alle gemeinsam geplant, gebaut und voneinander gelernt. Das Klassenzimmer ist auch ein Forschungsprojekt. Fachleute untersuchen das Gebäude. Sie prüfen zum Beispiel das Raumklima und das Verhalten der Baustoffe. Und sie prüfen die Feuchtigkeit in den Wänden. Sie beobachten das Gebäude über viele Jahre. So können andere auch später von den Erfahrungen lernen.

Die Jury hat das Projekt bewertet: Gutes Bauen geht auch ohne viele technische Lösungen. Man kann gut erkennen: Natürliche Materialien können viel leisten.

Die Jury verglich zwei Bauarten für Übergangslösungen: Container aus Stahl oder ein Haus aus natürlichen Materialien. Das S T R O H ballen Klassenzimmer überzeugte die Jury. Alte Bauteile bekommen ein neues Leben. Das spart Rohstoffe und schützt die Umwelt. Das Klassenzimmer ist ein guter Ort zum Lernen. Es ist hell, ruhig und angenehm. Es zeigt, wie einfaches und nachhaltiges Bauen gelingen kann. Es macht den Gedanken der Wiederverwendung für alle Menschen sichtbar und erlebbar.

Bei der Abstimmung des Publikums erhielt das Projekt die meisten Stimmen und wurde daher zusätzlich mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Projektbeschreibung

Das S T R O H ballen Klassenzimmer auf dem Diakonie Landgut Holzdorf bei Weimar ersetzt eine provisorische Containerlösung durch einen dauerhaften Lernort im ländlichen Raum. In stadtrandnaher, landschaftlich geprägter Lage ergänzt der Ersatzneubau die Bildungs- und Ausbildungsangebote des Landguts und knüpft an dessen historisch durch Otto Krebs geprägte Entwicklung an. Der Bau versteht sich nicht als isolierter Pavillon, sondern als zeitgenössische Fortsetzung eines ortsbezogenen Bauverständnisses.

Die zentrale Entscheidung liegt in der Konstruktion: Das Gebäude wurde in lasttragender Strohballenbauweise realisiert. Stroh übernimmt hier nicht nur dämmende, sondern tragende Funktion; auf ein konventionelles Holzständer- oder Holztragwerk in den Wänden wurde verzichtet. Damit wird ein biobasierter Baustoff nicht als Zusatz, sondern als konstruktiver Kern des Gebäudes eingesetzt. Die Statik mit Stroh, die Setzungsprüfung und die Nachweise für die Zulassung im Einzelfall wurden durch die Tragwerksplanung von Dr.-Ing. R. Goldbach fachlich abgesichert. Was auf den Bildern nur teilweise sichtbar wird, ist die ökologische Konsequenz des Projekts. Fenster, Türen und Teile der Holzverschalung stammen aus einem benachbarten Sanierungsprojekt, wurden in den Werkstätten der Diakonie aufgearbeitet und erneut eingebaut. Natürliche, rückbaubare und kompostierbare Materialien ergänzen den Ansatz. Selbst auf eine Stahlbetongründung wurde verzichtet; das Gebäude steht auf einem Schotterbett und vermeidet damit irreversible Eingriffe in den Boden.

Die Umsetzung war zugleich Bauprozess und sozialer Lernraum. Z · Architektur koordinierte Entwurf, Re-Use-Strategie und den inklusiven Bauprozess, während die Diakonie als Bauherrin das experimentelle Vorhaben ermöglichte und betreute. Menschen aus sozialen Einrichtungen wurden in Werk- und Bauprozesse eingebunden. Planung, Handwerk, Forschung und Nutzung griffen dadurch unmittelbar ineinander. Begleitet wird der Bau durch ein Monitoring der MFPA Weimar und der Bauhaus-Universität Weimar, das Bauphysik, Feuchteverhalten und Langzeitperformance im realen Betrieb untersucht. So ist das Klassenzimmer nicht nur ein Raum für Erwachsenenbildung, sondern selbst ein Demonstrations- und Forschungsobjekt. Es zeigt, wie Materialinnovation, Kreislaufdenken, soziale Teilhabe und einfache, robuste Bauweisen zu einer belastbaren Baukultur im ländlichen Raum verbunden werden können.

Landgut Holzdorf
Landgutallee 9
99428 Weimar

Beteiligte

  • Diakonie Landgut Holzdorf
  • Z · Architektur eGbR
  • Ingenieurbüro für Tragwerksplanung
  • Dr.-Ing. R. Goldbach
  • Materialforschungs- und -prüfanstalt (MFPA)
  • KEHO Agrarhandel GmbH

Fertigstellung
2024

Urteil der Jury

Welche drei Adjektive beschreiben das Projekt am treffendsten?
Natürlich, einfach, ehrlich.

Welche Wirkung hatte das erste Bild oder die erste Begegnung mit dem Projekt auf Sie?
Das Gebäude strahlt Ruhe und Behaglichkeit aus und besticht durch seinen ehrlichen und überall ablesbaren Umgang mit den Baumaterialien. Innen und Außen des Gebäudes ergeben ein stimmiges Bild.

Was inspiriert Sie an diesem Projekt?
Die Verwendung von Vorhandenem – seien es einerseits aufgearbeitete, wieder- und weiterverwendete Bauelemente wie Fenster und Türen oder andererseits der Einsatz regional vorhandener Rohstoffe. Das ist überzeugend und Ausdruck von innerer Haltung.

Welche Entscheidung im Entwurfsprozess halten Sie für den mutigsten Schritt?
Die Verwendung von Stroh nicht nur als Wärmedämmung, sondern auch als tragenden Wandbaustoff.

Welche Aspekte empfinden Sie als besonders innovativ?
Die Auseinandersetzung mit der Aufgabe insofern, dass zwei Bauweisen gegeneinander abgewogen wurden, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Industriell gefertigte Systemcontainer aus Stahl gegen eine ökologische und gleichsam handwerklich bestimmte Bauweise aus natürlichen Baustoffen. Selbst über den kurzen Lebenszyklus des Gebäudes betrachtet besticht das Strohballenhaus nicht nur durch die Nutzung vorhandener Ressourcen und das wohlige Raumklima, sondern überzeugt auch auf der wirtschaftlichen Seite. Die Summe dieser Aspekte verleiht diesem Projekt Vorbildfunktion.

Woran wird man erkennen, dass dieses Projekt seiner Zeit voraus war?
Das Projekt zeigt Kreislaufwirtschaft in seiner reinsten Form. Kein Verbund von Materialien durch Verklebungen oder Verschweißungen; alles kann am End-of-Life voneinander getrennt, weiterverwendet oder dem natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden.