Bewertungsgrundlage: Das Davos Qualitätssystem für Baukultur
Die Bewertung der eingereichten Projekte erfolgt auf Grundlage des Davos Qualitätssystems für Baukultur. Die „Acht Kriterien für eine hohe Baukultur“ sind ein international anerkanntes, ganzheitliches Bewertungsmodell, das baukulturelle Qualität nicht auf einzelne Aspekte reduziert, sondern in ihrer Gesamtheit betrachtet.
Das Davos Qualitätssystem geht davon aus, dass gute Baukultur immer mehrere Dimensionen umfasst: gestalterische Qualität, funktionale Leistungsfähigkeit, Einbettung in den räumlichen und gesellschaftlichen Kontext, ökologische und ökonomische Tragfähigkeit sowie die Art und Weise, wie Projekte geplant, umgesetzt und langfristig genutzt werden.
Es ist damit besonders geeignet, komplexe Bauaufgaben, interdisziplinäre Planungsprozesse und unterschiedliche Projektgrößen vergleichbar zu machen. Entscheidend ist die Gesamtqualität des Projekts im Zusammenspiel aller acht Kriterien. Projekte können sich dadurch auszeichnen, dass sie über alle Kriterien hinweg ein hohes Qualitätsniveau erreichen oder einzelne Kriterien in besonderer Weise erfüllen und damit beispielhafte Lösungen aufzeigen. Die acht Kriterien des Davos Qualitätssystems bilden den verbindlichen Rahmen für die Vorprüfung und die Arbeit der Jury. Sie dienen als gemeinsame Grundlage für die Bewertung, für den fachlichen Austausch innerhalb der Jury und für die Begründung der Entscheidungen. Bereits im Bewerbungsprozess sind daher aussagekräftige Angaben zu allen acht Kriterien erwünscht. Sie bilden die Grundlage dafür, die Qualität der eingereichten Projekte nachvollziehbar und vergleichbar zu bewerten.

Die Kriterien des Davos Qualitätssystems für Baukultur wirken nicht isoliert, sondern entfalten ihre Qualität erst im Zusammenspiel: Gute Baukultur entsteht dort, wo Aspekte wie Gouvernanz, Funktionalität, Umwelt, Wirtschaftlichkeit, Vielfalt, Kontext, Genius Loci und Schönheit miteinander verknüpft gedacht und ausgewogen umgesetzt werden.
Acht Kriterien für eine hohe Baukultur
Die acht Kriterien beschreiben Baukultur als ganzheitliche Qualität. Sie bilden keinen starren Katalog, sondern eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf Projekte. Entscheidend ist nicht die isolierte Betrachtung einzelner Kriterien, sondern ihr Zusammenspiel im konkreten Projekt. Im Folgenden werden die acht Kriterien in ihrer Bedeutung für den Thüringer Staatspreis für Baukultur kurz erläutert. Die Beschreibungen dienen der Orientierung für Einreichende, Jury und Öffentlichkeit.

Gouvernanz
Gute Baukultur entsteht dort, wo Verantwortung klar geregelt ist und Planungs- und Entscheidungsprozesse transparent, nachvollziehbar und qualitätsorientiert gestaltet werden. Bewertet wird, wie Aufgaben, Rollen und Zuständigkeiten im Projekt organisiert waren und inwieweit der Prozess zu einer hohen Qualität des Ergebnisses beigetragen hat. Dabei spielen Zusammenarbeit, Kommunikation und die Fähigkeit zur Koordination unterschiedlicher Interessen eine zentrale Rolle. Betrachtet wird in diesem Zusammenhang auch, inwieweit ortsspezifische Prozesse berücksichtigt und die Bevölkerung beteiligt wurden.

Umwelt
Eine hohe Baukultur trägt dazu bei, natürliche Ressourcen und Biodiversität zu erhalten und Gebäude, Infrastrukturen und Freiräume widerstandsfähig gegenüber den Folgen des Klimawandels zu gestalten. Bewertet wird, inwieweit Projekte ökologische Zusammenhänge vorausschauend berücksichtigen. Maßgeblich sind dabei ein bewusster Umgang mit Boden und Flächen, eine angemessene Einbindung von Mobilität, Energie und Wasser sowie der Einsatz langlebiger und nachhaltiger Materialien und Bauweisen, die den gesamten Lebenszyklus eines Projekts berücksichtigen.
Entscheidend sind nicht einzelne technische Maßnahmen, sondern das Gesamtkonzept:
der sparsame Einsatz von Ressourcen, robuste und anpassungsfähige Lösungen, der bewusste Umgang mit dem Bestand sowie Strategien zur Anpassung an klimatische Veränderungen. Projekte überzeugen, wenn Umweltqualität als selbstverständlicher Bestandteil von Gestaltung, Nutzung und Dauerhaftigkeit mitgedacht wird.

Wirtschaft
Wirtschaftliche Qualität zeigt sich nicht im niedrigen Aufwand, sondern in der langfristigen Tragfähigkeit eines Projekts. Bewertet wird, inwieweit Planung, Bau und Betrieb so aufeinander abgestimmt sind, dass über den gesamten Lebenszyklus ein ausgewogenes Verhältnis von eingesetzten Mitteln, Nutzen und Dauerhaftigkeit entsteht.
Im Mittelpunkt steht dabei ein vorausschauender Umgang mit Ressourcen und Investitionen. Projekte überzeugen, wenn sie langlebig, wartungsarm und anpassungsfähig konzipiert sind, Lebenszykluskosten berücksichtigen und dauerhaft verlässliche Rahmenbedingungen für Nutzung und Betrieb schaffen.

Funktionalität
Gute Funktionalität trägt dazu bei, dass Bauwerke im Alltag bestehen und langfristig einen Mehrwert für Nutzer:innen und Orte bieten. Bewertet wird, inwieweit Gebäude, Infrastrukturen und Freiräume ihre vorgesehenen Funktionen klar, zuverlässig und dauerhaft erfüllen. Dazu gehören logisch aufgebaute und intuitiv nutzbare Wegeführungen, gut nutzbare und angemessen proportionierte Räume, flexible Nutzungsmöglichkeiten sowie die Fähigkeit des Projekts, sich im Laufe der Zeit an veränderte Anforderungen anzupassen bzw. das baukulturelle Erbe zu erhalten.

Vielfalt
Soziale Qualität entsteht dort, wo Räume für unterschiedliche Menschen gleichermaßen nutzbar sind und vielfältige Formen des Zusammenlebens ermöglichen. Bewertet wird, inwieweit Bauwerke, Infrastrukturen und Freiräume Teilhabe ermöglichen, Orientierung bieten und ohne Hürden nutzbar sind. Entscheidend sind räumliche Angebote, die Begegnung ermöglichen, Sicherheit und Aufenthaltsqualität fördern und soziale Vielfalt ohne Sonderlösungen integrieren. Projekte überzeugen, wenn soziale Qualität als selbstverständlicher Bestandteil von Entwurf, Nutzung und Betrieb mitgedacht wird und langfristig zur Identifikation mit dem Ort beiträgt.

Kontext
Baukulturelle Qualität zeigt sich darin, wie ein Projekt sich in seinem räumlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontext verortet. Bewertet wird, inwieweit Bauwerke, Infrastrukturen und Freiräume in ihre Umgebung eingebunden sind, bestehende Strukturen aufnehmen und weiterentwickeln und einen eigenständigen, qualitätsprägenden Beitrag zum jeweiligen Ort leisten.
Sie umfasst das baukulturelle Erbe ebenso wie das zeitgenössische Gestalten und steht im Dialog mit den örtlichen Gegebenheiten und deren Besonderheiten hinsichtlich Alter, Maßstab, Typologie und Materialität. Projekte überzeugen, wenn sie diesen Dialog aktiv führen, den Kontext stärken und zur Weiterentwicklung von Städten, Dörfern und Landschaften beitragen.

Schönheit
Schönheit beschreibt die architektonische und räumliche Ausdruckskraft eines Projekts. Bewertet wird, inwieweit Bauwerke, Infrastrukturen und Freiräume durch eine klare gestalterische Haltung, eine stimmige Gesamtkomposition und eine angemessene Detailausbildung überzeugen.
Schönheit ist dabei kein Selbstzweck. Sie entsteht dort, wo Räume sinnlich erfahrbar sind und eine stimmige Beziehung zwischen Bauwerk, Nutzung und Umgebung entwickeln. Sie trägt dazu bei, dass Menschen sich mit einem Ort identifizieren, ihn gerne nutzen und ihm Wertschätzung entgegenbringen. Projekte zeichnen sich aus, wenn Form, Materialität, Konstruktion und Nutzung schlüssig aufeinander bezogen sind und eine eigenständige, zeitgemäße Antwort auf die jeweilige Bauaufgabe geben. Schönheit zeigt sich im Zusammenspiel von Maßstab, Proportion, Material und Atmosphäre – ebenso in der Sorgfalt bis in die konstruktiven und räumlichen Feinheiten.

Genius loci
Genius loci bezeichnet die besondere Atmosphäre und Identität eines Ortes, wie sie von Menschen wahrgenommen und erlebt wird. Bewertet wird, inwieweit ein Projekt Eigenschaften aufweist, die eine emotionale Beziehung zwischen Mensch und Ort fördern und einen positiven Bezug zum jeweiligen Umfeld herstellen.
Projekte überzeugen, wenn sie eine starke, unverwechselbare Identität entwickeln, die Verbundenheit mit dem Ort stärkt und über reine Funktionalität hinaus Wirkung entfaltet. Der Genius loci zeigt sich dort, wo Bauwerke soziale, psychologische und kulturelle Bedürfnisse ansprechen und so zur Identifikation mit dem Ort beitragen.
