Stilisiertes Preisobjekt des Thüringer Staatspreises für Baukultur

Thüringer Staatspreis für Baukultur 2020/2021

KONTOR-Gebäude

Medaille für Baukultur · Kategorie Innenarchitektur

Viele ehemalige Industriestandorte verfallen und werden als „Schandflecke“ wahrgenommen. Auch in Thüringen gibt es einige solcher Orte. Die neuen Besitzer des ehemaligen Kontor Erfurt wollten daran etwas ändern. Entstanden ist ein Ort für zeitgemäßes Arbeiten. Das Kontor wurde 1958 gebaut. Vor seinem Umbau verfiel das Gebäude, aber die originale Baukonstruktion war noch erhalten. Planungsbüros aus Erfurt waren für den Umbau verantwortlich. Die Architekt:innen haben viel Altes bewahrt und manches roh belassen.

Ein Beispiel hierfür sind Graffitis, die nicht überstrichen wurden. Originale DDR-Möbel runden die Mischung aus Alt und Neu ab. Die Innenräume wurden neu aufgeteilt. Zu DDR-Zeiten war jede Etage eine einzige Fläche. Jetzt beherbergen sie mehrere Ateliers und Büros für verschiedene Nutzer:innen. Dank verglaster Öffnungen wirkt die Fläche dennoch sehr offen. Ein Mittelgang führt durch das Gebäude und lädt zum Austausch ein. Viele der neuen Mieter:innen arbeiten in der Kreativwirtschaft. Sie tragen dazu bei, dem historischen Ort neues Leben einzuhauchen. Der Umbau des KONTOR-Gebäudes ist ein tolles Beispiel für die Umnutzung ehemaliger Industriestandorte.

Die Architekt:innen haben ein modernes Arbeitsumfeld geschaffen und gleichzeitig den Charme des historischen Gebäudes erhalten. Viele Gegensätze fügen sich zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Das Projekt kann vielen ähnlichen Vorhaben als Vorbild dienen.

Projektbeschreibung

Noch zu oft werden brachliegende Industriestandorte nur als sogenannte Schandflecke wahrgenommen und/oder sie werden im Stadtraum unsichtbar. So auch beim 1958 gebauten ehemaligen Kontor Erfurt. Ein wahrer „lost place“, mit Birkenwäldchen, Graffiti und Verfall. Dahinter schlummerten aber originale Baukonstruktionen und die Architekturästhetik der DDR-Nachkriegsmoderne. Im Jahr 2017 wechselte das Gebäude den Besitzer und steht nun nach Umbau mit seinem einzigartigen Charakter für moderne, zeitgemäße Arbeitswelten im Kontext der Industriearchitektur.

Die Architekten entwickelten eine neue innere Struktur, die skulptural über zwei Ebenen alle Nebenflächen wie Teeküchen und Besprechungsräume aufnimmt und die zuvor offene Geschossfläche in flexibel teilbare Einheiten zoniert. Gleich einer inneren Straße von 110 m Länge verläuft sie durch das Gebäude und ermöglicht vielfältige Ein- und Ausblicke. Vor- und Rücksprünge und große verglaste Öffnungen in den begleitenden „Fassaden“ der Ateliers und Büros befördern die Kommunikation und den Austausch zwischen den einzelnen Nutzern. Das Neue ergänzt kongenial das Alte …

(… so wurde außergewöhnlich viel davon erhalten sowie sicht- und erlebbar belassen: an den Fassaden die Betonrahmenfenster, im Inneren das Stahlbetonskelett, die Deckenelemente aus der Frühzeit des seriellen Bauens einschließlich ihrer Untersichten und Estriche oder auch das Stahlgerüst des Firstoberlichtbandes. Wo es irgendwie möglich war, wurde auf Verkleidungen, Verkofferungen und Anstriche verzichtet: rohes Material, abblätternde Erstanstriche, Reste originaler Wandbeschriftungen und sogar Bombings und Tags der heimlichen Zwischennutzungen nach 1992 sorgen im Inneren für stylische Geschichtlichkeit. Wenn auch die Durchgängigkeit der einstigen Lageretagen zu Gunsten abgegrenzter Nutzungseinheiten aufgegeben werden musste, gelang dennoch durch Haus-in-Haus-Lösungen und geschickte Rauminszenierung ein sehr offener Raumeindruck …) — Dr. Escherich, Denkmalpfleger

KONTOR-Gebäude
Zentrum der Kreativwirtschaft
Hugo-John-Straße 8
99086 Erfurt
Thüringen

beauftragt von
Frank Sonnabend, Erfurt

geplant von
herrschmidt architekten BDA PartG mbB, Erfurt

Umbau/Ausbau/Anbau
Sanierung/ Modernisierung
Pflege, Erhaltung und Wiederherstellung
historischer Bausubstanz

Bauzeit
06/2018 – 12/2019

Grundstücksfläche in m² ca.: 15.000
Hauptnutzfläche in m² ca.: 10.000

Weitere Nominierung
Kategorie Architektur

Urteil der Jury

Der Umbau des KONTOR-Gebäudes in Erfurt ist ein beispielgebendes Projekt für die Transformation großflächiger Gewerbegebäude zu hoch qualitätvollen Räumen digitalen und kreativwirtschaftlichen Arbeitens. Von der Jury wird dabei besonders gewürdigt, dass es gelingt, den spröden Hallenraum der Nachkriegsmoderne sehr stimmig zu modernen Gewerbe- und Bürolofts umzugestalten. Dabei wird von den Architekten nicht gegen die Struktur gearbeitet, sondern mit den Mitteln der Innenarchitektur eine zentrale innere Erschließungsstraße eingefügt.

Die wie Möbel anmutenden Wandscheiben sind durch farbige „Schrankfächer“ als Eingangsbereiche gegliedert. Großformatige Glasöffnungen im Galeriegeschoss schaffen Durchblicke und Querbezüge im Galeriegeschoss. Die glatten, monochromen Flächen stehen in spannungsvollem Kontrast zur rohen Konstruktion und den jahrzehntealten Belägen und Oberflächen des Bestands. Elektroinstallation als Aufputz-Montagen und unverkleidete Kabeltrassen unterstützen die charakteristische industrielle Anmutung der Räume. Schließlich knüpfen ausgewählte Möbel der DDR-Moderne entstehungsgeschichtlich an die Hülle an und vermitteln den Gebäudecharakter im Inneren.

Insgesamt stellt der einfache markante Eingriff eine innovative Innenarchitektur dar, die für die vielfältigen Umbauaufgaben im Bestand inspirierend und beispielgebend wirkt.